Altar

Bei dem Altar handelt es sich um einen Kanzelaltar, wie er bei Neubauten im protestantischen Norden Deutschlands im 18. Jahrhundert nahezu obligatorisch war. Der Kanzelaltar ist eine typische Entwicklung der Barockzeit. Die barocken Prinzipien von Axialität, Symmetrie, Ordnung und Kombination kommen hier zusammen mit den Grundlagen des protestantischen Glaubens, also seiner Konzentration auf Predigt, Abendmahl und Taufe. So wird der Kanzelaltar zu einer Ideallösung, die künstlerische und theologische Anliegen abdeckt. Hinzu kommen auch noch praktische Erwägungen, die sich aus der Forderung nach der guten Sicht- und Hörbarkeit des Geistlichen bei seinem Wirken ergeben.

Gemäß einem Schriftzug im Altar selbst wurde dieser im Jahre 1744 fertiggestellt. Außerdem geht aus Briefen vom Superintendenten Leukfeld und von Christian Vater, dem Erbauer der neuen Orgel, hervor, dass der Altar in Hannover angefertigt wurde. Allerdings gab es zu der Zeit zwei Bildhauer-Werkstätten in Hannover.

Vom Hofbildhauer Christian Ackermann ( 1749) ist sehr wenig bekannt. Er hat 1736 einen Kanzelaltar für die Kirche in Grasdorf bei Laatzen angefertigt. Allerdings wurde dieser im 2. Weltkrieg total zerstört. Ackermann rückte 1737 in die erledigte Stelle des Hoflackierers als Hofbildhauer ein und blieb bis zu seinem Tode im Dienst.

Umfangreicher ist das bekannte Werk des Bildhauers Johann Friedrich Blasius Ziesenis (1715-1787). In Hannover geboren war er nach Wanderjahren seit 1743 wieder in Hannover ansässig. Die erste bekannte Arbeit ist ein Altar für den Hildesheimer Dom, der allerdings ebenfalls im 2. Weltkrieg zerstört wurde. 1747 wurde er zum Hofbildhauer ernannt und erhielt gleichzeitig ein Stpendium, um in Paris Studien durchführen zu können. Da der Hof in London residierte, kamen praktisch alle Aufträge von den Kirche. Ziesenis war katholisch, arbeitete aber auch viel für evangelischen Kirchen. So entstanden nach 1747 eine größere Anzahl von Kanzelaltären, die meisten in Zusammmenarbeit mit dem Konsistorialsekretär Gerhard Arenhold, der auch hier in Gifhorn gewirkt hat.

Die ursprüngliche Farbgestaltung des Gifhorner Altars dürfte weiß und gold gewesen sein, wie ein Vergleich mit anderen Altären aus der gleichen Zeit zeigt. Außerdem gibt es ein Schreiben im Zusammenhang mit der Vergoldung und Bemalung des Orgelprospektes, die diese Farbgebung nennt. Dabei handelte es sich um einen weißen Anstrich auf Kreidegrund, der mit einem Firnis ohne Farbzusatz überzogen wurde. Dazu kam dann ein Polimentgold in matter und glanzgeriebener Oberfläche. Im Laufe der Zeit vergilbte der Firnis, so dass der ursprünglich perlfarbige Anstrich einen schmutziggelben unansehnlichen Ton annahm. Im Laufe des 19. Jahrhunderts kam es zu Neuanstrichen des Altars, wobei nach dem Geschmack der Zeit auch anderen Farben verwendet wurden. Kräftige rote und blaue Farbtöne konnten nachgewiesen werden.

 

Foto: St. Nicolai

Bei der letzten Renovierung der Kirche im Jahre 1961 erhielt der Altar durch den Hamelner Kunstmaler Rudolf Droste die heutige farbliche Gestaltung. Dabei verwendete er die bekannten Barockfarben Weiß, Gold, Grau, Grün und Rosa

Der Altar ist dreiachsig ausgeführt. Auch die Seitenteile über den Durchgängen sind hochgezogen. Der bekrönende Aufsatz mit dem massiven Gebälk umfasst alle drei Achsen. Je zwei teilplastische kanellierte Säulen mit einem Pilaster dazwischen begrenzen die einzelnen Achsen. Die Säulen besitzen eine attische Basis und reichgeschnitzte korinthische Kapitäle. Die Säulenpostamente haben die gleiche Höhe wie der Altartisch.

 

Kanzel (Foto: Gierz)

Im Mittelpunkt des Altars befindet sich die Kanzel. Sie ist mit Ornamenten reiich verziert, hat aber weder figürlichen Schmuck noch einen Schriftzug. Die Kanzel demonstriert die zentrale Bedeutung der Predigt im protestantischen Gottesdienst. Der Schalldeckel ist komplett in das Gebälk integriert, hat die gleiche Mächtigkeit und ragt deutlich über die Kanzel nach vorn.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schalldeckel von unten (Foto: Gierz)

An der Unterfläche des Schalldeckels findet man nicht das typische Motiv einer Taube als Symbol für den Heiligen Geist. Stattdesssen sieht man hier mit Strahlenbüschel, Wolkenkranz und hebräischen Schriftzug JHWH Elemente, die auch im oberen Teil des Altaraufsatzes zu finden sind.

Altartisch mit Abendmahlsbild. (Foto: Gierz)

In der Mittelachse zwischen Altartisch und Kanzel befindet sich ein Abendmahlsbild. (Das Original-Ölbild von 1744 wurde 1972 gestohlen und 1992 durch ein neues Bild des Malers Malinowski ersetzt.) Es betont den Ort der Austeilung von Brot und Wein.

In der weiteren Gestaltung des Altars fallen drei große vollplastische Figuren auf. Links und rechts auf Höhe der Kanzel sowie an der Spitze des Altars aufgestellt bilden sie ein Dreieck. Es handelt sich die traditionellen Personen, die man auch in anderen Altären der Barockzeit wiederfindet. Sie stehen für den Gegensatz Gesetz und Gnade.

 

Altar. Figur Moses (Foto: Gierz)

Die linke Figur stellt Mose dar, in der linken Hand den Prophetenstab haltend, als Ausdruck seiner göttlichen Vollmacht vor Pharao, am Schilfmeer und auf der Wüstenwanderung. In der rechten Hand hält er die Gesetzestafeln. Die Beachtung der göttlichen Gesetze fällt dem Menschen aber schwer, darum ist der Erlösungsweg Gottes durch Jesus Christus erforderlich.

 

Altar. Figur Johannes der Täufer (Foto: Gierz)

Die rechte Figur stellt Johannes den Täufer dar, der auf Jesus Christus hinweist. Eine lange Kreuzesstange in seiner linken Hand ist umschlungen von einem Band mit der Aufschrift: „Ecce agnus dei“ (Siehe, das ist Gottes Lamm!). Mit der erhobenen Rechten weist Johannes in Richtung der Kanzel, also dem Ort der Verkündigung des Evangeliums.

 

Segnender Christus (Foto: Gierz)

Der krönende Abschluss des Altars besteht aus der freistehenden triumphierenden Christusgestalt, der als der Auferstandene die Siegesfahne schwingt und mit der rechten Hand zum Himmel weist. Diese weltfreundliche Form des segnenden Heilandes gehört im Hannoverschen fast ein Jahrhundert lang zum üblichen Dekor für Kanzel- und Altaraufbauten. Sie ist charakteristisch für den religiösen Optimismus der Aufklärung.

 

 

 

 

 

 

 

Im Oberteil des Altars findet man noch weitere barocke Bildmotive.

 

Wolkenkranz mit Gottesname JHWH (Foto: Gierz)

In der Mitte sieht man ein goldenes Strahlenbüschel und einen blauen Wolkenkranz. Inmitten der Wolken ist wie auch im Schalldeckel der alttestamentliche Gottesname JHWH in hebräischen Buchstaben geschnitzt Drei Engel im Wolkenkranz verkündigen ihn der Menschheit. Unter dem Wolkenkranz befindet sich ein Herz, aus dem eine brennende Fackel herausragt. Gottes Liebe wird der Welt so offenbar gemacht und bleibt nicht verborgen. Eine sitzende Puttengruppe darunter verkündet diese Liebe in der Welt.

 

Blumen und Früchte (Foto: Gierz)

Links und rechts hat der Künstler Blumen und Früchte aller Art girlandenartig angeordnet, um den Gedanken an die Schöpfung zu verdeutlichen.

 

Engel mit Palmwedel (Foto: Gierz)

Über diesen Schnitzwerken thronen Engel mit Friedenspalmen, den Wunsch Gottes ausdrückend: Friede möge auf dieser Erde herrschen!

 

Rauchende Urne (Foto: Gierz)

Auf den seitlichen Vorsprüngen stehen zwei Rauchopfergefäße, in denen der fromme Mensch einst seine Ehrfurcht und Dankbarkeit Gott gegenüber durch Entzünden von Weihrauch ausdrückte.

 

Nicht zum biblischen Bildprogramm des Altars passen die beiden Wappen, die sich unterhalb des Gebälks in den Seitenachsen befinden. Hier hat sich das Stifterehepaar des Altars verewigen lassen.

 

Wappen der Familie Grote (Foto: Gierz)

Das linke Wappen zeigt ein schreitendes Pferd mit einem Kreuz darüber. Es gehört der Familie der Grotes. Heinrich Grote (1675-1753) wohnte in Wedesbüttel (ca. 10 km südlich von Gifhorn), besaß aber berufsbedingt auch eine Wohnung in Hannover. Als Besitzer des Gutes Schauen (im Harzvorland Nähe Osterwieck) besaß er die Reichsfreiherrnwürde. Wie viele andere Angehörige seiner Familie stand auch er in Diensten der welfischen Landesherren. Er war Kammerpräsident der Kurhannoverschen Regierung und gehörte damit zu den höchsten Staatsbeamten. Ihm unterstand das Finanz- und Wirtschaftswesen des Kurfürstentums. Neben dem Altar stiftete er zwei Jahre später noch den Taufständer und trug außerdem einen Teil der Kosten für den Bau der neuen Orgel. 

Wappen der Familie von Post (Foto: Gierz)

Das rechte Wappen zeigt einen aufrecht schreitenden („steigenden“) Löwen mit Krone und zwei Schwänzen. Es ist das Familienwappen der Ehefrau Elisabeth Juliane von Post (1697-1772).

  

 

 

 

 

 

 

Literatur

Friedrich Bleibaum, Bildschnitzerfamilien des Hannoverschen und Hildesheimschen Barock“, Verlag J.H.Ed. Heitz, Straßburg 1924

Geschichte des Gräflich und Freiherrlich Grote'schen Geschlechts“, Hof-Buchdruckerei der Gebrüder Jänecke, Hannover 1891

Oskar Kiecker/Hans Lütgens, „Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover, III. Regierungsbezirk Lüneburg, 4. Kreis Gifhorn“, Selbstverlag der Provinzialverwaltung, Hannover 1931, Nachdruck H. Th. Wenner Osnabrück 1980

Gottfried Küllig, „Der Altar in der St. Nicolai-Kirche zu Gifhorn" in Gottfried Piper, "Das Musikleben in Gifhorn durch die Jahrhunderte", Gifhorn 1963

Hartmut Mai, „Der evangelische Kanzelaltar“, Max Niemeyer Verlag, Halle 1969

Ulfried Müller, „Die Gestaltung des einachsigen Kanzelaltars durch Johann Friedrich Blasius Ziesenis“, in „Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte Band 11“, Deutscher Kunstverlag, München Berlin 1972

Ulrich Roshop, „Die St.-Nicolai-Kirche in Gifhorn", Veröffentlichungen Heft 3 des Museums- und Heimatverein Gifhorn e.V., Gifhorn 1980