Gebäude

Die St.-Nicolai-Kirche gehört zu den schlichten Barockkirchen, die in den Jahren 1700 bis 1750 im Kurfürstentum Hannover entstanden. Sie dienten als Ersatz für baufällig gewordene mittelalterliche Kirchen.

 

Kirche von Westen
Blick von Westen (Foto: Gierz)

Außenbau

Die Kirche ist ein rechteckiger Saalbau von beachtlicher Größe 130 x 60 Fuß (37,70 x 17,50 m). Damit entspricht das Verhältnis fast dem barocken Ideal von 2:1. Während die Länge des Kirchenschiffs durch die Lage innerhalb der Häuserfront entlang der Straße praktisch vorgegeben war, gab es für die Breite einigen Spielraum. Durch die Planung als einschiffiger Saal ergaben sich hier allerdings statische Begrenzungen.

Das Kirchenschiff ist streng achsensymmetrisch aufgebaut. Sowohl der Turm wie auch die Sakristei liegen genau in der Verlängerung der Längsachse. Der Turm hat eine quadratische Größe von 32 x 32 Fuß (9,40 x 9,40 m). Die Sakristei ist nur halb so lang, also 16 x 32 Fuß. Diese Längsachse der Kirche liegt etwa in Nordwest-Südost-Richtung, also nicht in der typischen West-Ost-Richtung von Kirchen, da hier die Ausrichtung eines säkularen Vorgängerbaus (Marstall) übernommen wurde.

Auch die Längsseiten des Kirchenschiffes sind achsialsymmetrisch aufgebaut, machen also keinen Unterschied zwischen vorn und hinten. Das Schiff hat neun Achsen, wobei sich in den Achsen 3 und 7 die Türen befinden.

Die Umfassungswände des Kirchenschiffs sind aus Backstein aufgeführt und verputzt. Der Sockel ist aus Bruchstein, ebenso die Quaderverzahnung an den Ecken. Fenster und Türöffnungen haben Sandsteingewände. Das profilierte Hauptgesims direkt unterhalb des Daches ist dagegen aus Holz gefertigt.

Das Ziegeldach ist im Südosten mit Krüppelwalm versehen, der, weiter abwärts geschleppt, für die Dachbildung des Sakristeianbaus ausgenutzt wird. Im Nordwesten vermittelt eine kleine Walmfläche den Übergang zum Turm, da der Dachansatz des Turmes niedriger als der Dachfirst des Schiffes ist.

 

Kirche Seitentuer Ostseite
Seitentür der Kirche (Foto: Gierz)

Die zwei Portale jeweils an beiden Längsseiten haben geschwungene, durch fein gegliederte Konsolen getragene Verdachungen. Unterhalb der Konsolen sind Blumenstücke eingefügt. Die über den Eingängen befindlichen Kreisfenster sind in die Umrahmungen hineingezogen.

Über den großen mit Halbkeisbogen geschlossenen Fenstern wie auch über den Portalen ist eine Reihe von kleineren Fenstern mit geschwungenem Sturz angeordnet, die der oberen Empore Licht geben. Die Balkenlage der unteren Empore streicht etwa in mittlerer Höhe an den großen Fenstern vorbei, ohne dass dies außen in Erscheinung tritt.

Der zuerst errichtete Kirchturm wurde noch komplett aus Bruchsteinen erbaut. In etwa ein Drittel Höhe ist er von einem schlichten Sandsteinband umzogen. Der beschieferte hölzerne Helm leitet mit Schweifung vom Viereck zur achteckigen großen offenen Laterne mit schlanker Spitze über. In der fein gezeichneten Wetterfahne findet man die Jahreszahl 1734.

 

Der zuerst errichtete Kirchturm wurde noch komplett aus Bruchsteinen erbaut. In etwa ein Drittel Höhe ist er von einem schlichten Sandsteinband umzogen. Der beschieferte hölzerne Helm leitet mit Schweifung vom Viereck zur achteckigen großen offenen Laterne mit schlanker Spitze über. In der fein gezeichneten Wetterfahne findet man die Jahreszahl 1734.
 

Kirche Seitenriss
Seitenriss der Kirche um 1900 (Repro: Gierz)

  

 

Kirche Innenraum
Blick in das Kirchenschiff (Foto: Gierz)

Innenraum

Wenn wir den Innenraum der Kirche betreten, so haben wir den Eindruck, uns in einem hellen großen Raum zu befinden. Dies entspricht dem Repräsentationsbedürfnis des Barock nach möglichst großen sich alles unterordnenden Räumen.

Erreicht wird dies dadurch, dass die Emporen aus Holz einen deutlichen Gegensatz zum Putz der Wände bilden. So haben die Emporen durchweg das Aussehen von Einbauten. Sie wirken wie dem Raum untergeordnete mehr ausstattungsartige Gebilde. So wird die untere Empore einfach an den großen Fenstern vorbeigeführt. Ebenso stehen die wandseitigen Stützen der Emporen direkt vor den Außenwänden, ohne eine architektonische Verbindung mit diesen zu haben.

Die beiden Emporen sind u-förmig bis auf die Altarseite um den Kirchenraum herumgeführt und werden durch vierzehn freistehende runde Pfeiler gestützt. Damit gliedern diese das weiträumige Innere in drei Schiffe. Die übrigen, teils runden, teils viereckigen Pfeiler, lehnen sich unmittelbar an die Mauer an. Die Emporen sind nicht bis zur Stirnwand durchgezogen, sondern enden bereits ca. 4 m vorher. Damit entsteht ein freier Bereich, in dem der Altar besser zur Geltung kommt und auch durch die freien Fenster mehr Licht erhält.

Nach oben wird der Raum durch eine flachgewölbte Holzdecke abgeschlossen. Diese ist komplett verputzt und heute im gleichen Farbton wie die Wände hell gestrichen. (Die ursprüngliche Gestaltung als blauer Sternenhimmel wurde bereits 1930 beseitigt.)

Der Fußboden wurde im Chor mit Sandsteinplatten und im übrigen Teil der Kirche mit Backsteinen und Tonfliesen aus neuerer Zeit ausgelegt. In den vier Seiteneingängen liegen alte Grabsteine aus dem 17. Jahrhundert. Sie sind heute nur noch teilweise lesbar.

Hinter dem Altar befindet sich die Tür zum Sakristeibereich. Dieser ist in zwei Räume unterteilt. An der Außenwand befindet sich eine Treppe, die zu einem Andachtsraum im ersten Stock führt. Von dort führt ein weiterer Durchgang zur Kanzel.

An der Wand im Erdgeschoss der Sakristei hängt eine Holzplastik des Gekreuzigten. Sie wurde von einem unbekannten Künstler aus Lindenholz wahrscheinlich im 18. Jahrhundert geschnitzt.

Der Durchgang zum Turm ist durch eine massive Holztür verschlossen. Dieser Raum wurde zum Einbau einer kleinen Küchenzeile mit Wasseranschluss und von zwei Toiletten genutzt.

 

 

Kirche Grundriss
Grundriss der Kirche um 1900 (Repro: Gierz)

  

 

Grabkammern

Sowohl die jetzige Kirche wie auch ihr Vorgängerbau an gleicher Stelle wurden als Grabstätte benutzt. Unterlagen über die Belegungen sind nur sehr unvollständig erhalten. Auskunft geben zum Teil die erhaltenen Akten, besonders wenn es zu Problemen bei der Bezahlung der Gräber kam.

 

Grabplatte für die Eingeweide von Herzog Franz 1549
Grabplatte für die Eingeweide von Herzog Franz 1549 (Foto: Gierz)

Direkt vor dem Altar liegt eine Grabplatte. Sie ist heute durch einen Teppich verdeckt. Die Platte zeigt in der Mitte ein Wappen, umgeben von dem Text: »ILLUS PRINC AC DNI DNI FRANCISCI DUC BRAU. ET LUNEBU. VISCERA HIC SEPULTA IACENT 15 K 49 OBIIT AETATIS SUAE 41 AN.« Übersetzt: »Die Eingeweide (das Herz) des erlauchten Fürsten und Herren Franz, Herzog von Braunschweig und Lüneburg, liegen hier begraben 15(K)49. Er starb seines Alters 41 Jahre«. Demnach wurden vor dem Altar die Eingeweide von Herzog Franz bestattet, während der Leichnam selbst in der Schlosskapelle liegt. Das K in der Jahreszahl wird als ein Steinmetzzeichen gedeutet. Es könnte dem Hofbaumeister Michael Clare gehören, da dieser Name teilweise auch mit K geschrieben wurde. Die Grabplatte wurde beim Neubau der Kirche aus dem Vorgängerbau übernommen.

Bei einer Untersuchung im Jahre 1961 konnten ferner drei getrennte Grabkammern nachgewiesen werden. Sie wurden geöffnet und untersucht. Särge und Skelette waren teilweise noch erhalten. Erfolglos blieb allerdings die Suche nach dem Gefäß mit dem Herzen von Herzog Franz. Von den ehemaligen Grabplatten auf diesen Gräbern befindet sich nichts mehr an Ort und Stelle.

 

Literatur

Max Gelin: »St. Nicolai Gemeinde« in: »Gemeindebuch des Kirchenkreises Gifhorn«, Jedermann-Verlag Ludwig Schmidt GmbH, Osnabrück 1960

Max Gelin: »Die ehemaligen Erbbegräbnisse in der St. Nicolaikirche«, Manuskript, Gifhorn 1961

Hermann Mewes: »Der lutherische Kirchenbau Niedersachsens unter besonderer Berücksichtigung der Baumeister des Konsistoriums Hannover«, Dissertation 1943. Kommentierte Neuausgabe von Stefan Amt, Institut für Bau- und Kunstgeschichte, Universität Hannover 1994

Johann Georg Friedrich Meyer: »Beschreibung der evangelisch-lutherischen Kirche zu Gifhorn, sowie ihrer Kunstschätze, Alterthümer und historischen Denkwürdigkeiten«, handschriftliches Manuskript, Gifhorn 1861

Ulrich Roshop: »Die St.-Nicolai-Kirche in Gifhorn«, Veröffentlichungen Heft 3 des Museums- und Heimatverein Gifhorn e.V., Gifhorn 1980