Schlosskapelle

Schlosskapelle Kaempfer 1547
Kämpfer der oberen Empore mit Jahreszahl (Foto: Gierz)

Durch Bauinschrift am Kämpfer der oberen Empore „ANNO DNI 1547“ datiert, erweist sich die Schlosskapelle in Gifhorn als der zweite evangelische Kirchenbau in Deutschland (nach der Kapelle auf Schloss Hartenfels zu Torgau von 1544). Sie gehört damit zu den Gründungsbauten der deutschen evangelischen Kirchenarchitektur. Bei der letzten Renovierung 2008 wurde versucht, den Ursprungszustand weitestgehend wiederherzustellen.

 

 

 

Das Schloss in Gifhorn wurde von 1525 bis 1581 neu erbaut. Von 1539 bis 1549 diente es als Residenz von Herzog Franz von Braunschweig-Lüneburg. In dieser Zeit wurde die Kapelle erbaut. Baumeister war mutmaßlich Michael Clare, den Herzog Franz von Celle mit nach Gifhorn gebracht hat.

 

Schlosskapelle Grundriss
Grundriss (Repro: Gierz)

  

  

 

Schlosskapelle Merian Ausschnitt
Schlosskapelle, Ausschnitt aus dem Merian-Stich von 1650 (Repro: Gierz)

Äußere Gestaltung

Die Kapelle ist eingefügt zwischen Ost- und Nordflügel des Schlosses. Sie liegt oberhalb einer Kasematte, die ursprünglich den Zugang zur Nordostbastion bildete. Die Kapelle hat einen klassischen mittelalterlichen Grundriss aus einem quadratischen Laienraum und einem Chorraum, der aus fünf Seiten eines Achtecks gebildet wird. Der Saal wird überspannt von einem einfachen Netzrippengewölbe, das ohne Konsolen in die Wand einschneidet.

Dieser Chor ragt nach außen aus den Seitenflügeln heraus. Die Außenwände haben hohe zweibahnige Maßwerkfenster. Die ältesten Abbildungen zeigen, dass die Außenwände ursprünglich von Erkern gekrönt waren. Heute ist die Kapelle nur noch mit einem schlichten Walmdach versehen.

 

Schlosskapelle Chor
Chor der Schlosskapelle (Foto: Gierz)

  

  

 

Schlosskapelle vom Schlosshof
Fassade der Schlosskapelle (Foto: Gierz)

Im Schlosshof signalisiert die hohe giebelbekrönte Fassade in ihrem schlanken Aufriss und den beiden über zwei Geschosse laufenden Maßwerkfenstern auf den ersten Blick den Ort der Kirche. Ursprünglich hatte der rechts liegende Schlossflügel nur die gleiche Höhe wie der linksliegende und ließ damit die Fassade noch deutlicher hervortreten. Die geschwungene Freitreppe und der Laubengang unterstreichen die Repräsentativität dieser Fassade, indem sie mit ihren Arkaden herrschaftliche Öffentlichkeit symbolisieren.

 

Schlosskapelle Seitenriss
Längs- und Querschnitt (Repro: Gierz)

Innenraum

Im Innenraum wird das Motiv der Arkade wieder aufgenommen. An der westlichen Eingangsseite erheben sich übereinander zwei massive Emporen, von starken Säulen getragen. Beide stehen durch Pforten mit dem angrenzenden ehemaligen fürstlichen Wohnhaus in Verbindung. Auf der ersten Empore saß der Herrscher direkt dem Altar gegenüber. Die Herzogin saß auf der zweiten Empore.

Auf diese Emporenregion ist die Kapellenarchitektur mit ihren Schmuckformen, ihrem Dekor, bezogen. Die Kanzel ist aus demselben Material, Kalkstein, gefertigt wie die Emporen, und auch ihr Schmuck übernimmt deren ornamentales Blendmaßwerk inklusive der Gliederung der Brüstungsbänder. Genauso nimmt die gewundene Säule, auf der die Emporentreppe ruht, Bezug auf die Säule des Kanzelfußes. Dies galt sicher auch für die ehemals der Kanzel direkt gegenüberliegende und leider abgebrochene Orgelempore.

 

Segmentbogen mit Klara
Segmentbogen mit der Figur von Herzogin Klara (Foto: Gierz)

Genau diese Formen übernehmen auch die Sarkophage links und rechts des Altars, die in Emporenhöhe und auf mit Flechtbändern geschmückten Segmentbögen nach dem Vorbild der Emporen ruhen. Sie werden in die Höhe gehoben und im Angesicht der Gläubigen der Emporen-, also der Fürstenzone zugewiesen.

Auf den Sarkophagen befinden sich die lebensgroßen Holzplastiken von Herzog Franz im Harnisch, den Helm zur Seite, knieend mit zum Gebet erhobenen Händen, und von Herzogin Klara in einem Kleid mit reichem Faltenwurf und lang über den Rücken herabfallendem Haar, ebenfalls kniend mit zum Gebet erhobenen Händen.

 

 

 

 

 

 

 

Der Altar selbst besteht aus einem großen Sandsteinblock mit gleich großer Mensa. Auf dem Altar steht heute das Altarbild „Der ungläubige Thomas“ von dem zeitgenössischen Berliner Künstler Johannes Grützke.

 

Alter Altar geoeffnet
Altar im geöffneten Zustand. Nds. Landesmuseum Hannover (Foto: Gierz)

Ursprünglicher Altarschrein

Auf dem Altar stand ursprünglich ein geschnitzter Schrein mit gemalten Seitentafeln. Gegen 1500 entstanden, wurde er wahrscheinlich in einer Antwerpener Werkstatt angefertigt (Stadtwappen am Rahmen).

Der Altarschrein hat eine Höhe von 1,93 m (Mittelteil) bzw. 1,19 m (Seitenteile) und ist 1,89 m breit. Darin befinden sich vor Maßwerknischen geschnitzte Figurengruppen. Im Mittelfeld eine Darstellung der „Wurzel Jesse“, ein beliebtes Motiv der Antwerpener Altäre. Nur die untere Gruppe erhalten. Jesse sitzend auf einem Stuhl mit Baldachinüberbau, schlafend das Haupt zur Seite geneigt, das er mit der einen Hand stützt, während die andere den aus seinem Leib hervorwachsenden Stamm umfaßt. Neben ihm zwei Prophetengestalten mit Spruchbändern. Darauf „Egredietur virga de radice iesse“ („Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais“ Jes. 11,1) und „Stillabut montes dulcedinem“ („Die Berge werden von süßem Wein triefen“ Amos 9,13).

Im Feld zur Linken ziehen oben die Weisen aus dem Morgendland heran. Die Hauptgruppe davor, vermutlich die Geburt Christi, fehlt bis auf die männliche Figur (Joseph), die aus dem Fenster der Hauswand schaut.

Zur Rechten die Beschneidung, bei der die Nebenfiguren verlorengegangen sind. Auch die reichen zierlichen Maßwerke sind stark beschädigt.

Auf den Flügeln Malereien. Links unten: Marias Tempelgang und Vermählung, rechts unten: Darstellung Christi im Tempel und bethlehemitischer Kindermord; links oben Geburt der Maria, rechts oben Flucht nach Ägypten.

An den Außenseiten der Flügel unten: Anbetung der Könige (stark beschädigt), oben schwebende Engel.

Der Altar wurde 1862 dem Provinzialmuseum, dem jetzigen Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover, übergeben und ist dort ausgestellt.

 

Schlosskapelle Bonn alte Empore
Schlosskapelle mit Orgelempore. Ausschnitt aus dem Aufriss vob Otto von Bonn um 1750 (Repro: Gierz)

Orgel

Wann die Schlosskapelle eine eigene Orgel bekommen hat ist unbekannt. Auf jeden Fall beschäftigte Herzog Franz bereits 1545 einen eigenen Organisten. Für die Orgel wurde extra eine eigene Orgelempore vorgesehen. In seiner Beschreibung von Gifhorn erwähnt Merian (um 1650) „ein stattlich Werck einer Orgel“, das sich in der Schlosskapelle befindet. Nach Gottfried Piper wurde die Orgel im 18. Jahrhundert entfernt und die Empore abgebrochen.

Die heutige Orgel wurde 1966 von Klaus Becker, Kupfermühle neu gebaut.

 

Schlosskapelle Glocke Ernst
Glocke der Schlosskapelle (Foto: Gierz)

Glocke

Im Kapellenraum ist jetzt eine kleine Glocke, die einst im Dachreiter hing, aufgestellt. D. 0,60 m, H. 0,40 m. Unterhalb der Haube eine Blätterreihe und die Inschrift: „VON GOTTES GNADEN HERZOCH ERNST ZU BRUNSWICH UNDT LÜNENBORCH 1606“.

 

Würdigung

Das Schloss und damit auch die Schlosskapelle waren wichtige Instrumente landesherrlicher Propaganda. Der Beleg einer standesgemäßen Lebensführung war ein absolut notwendiger Ausweis, um sich vor den anderen Landesherren zu legitimieren.

So überrascht es nicht, dass die Fertigstellung der Gifhorner Schlosskapelle mit der Heirat von Herzog Franz zeitlich zusammenfällt (1547). Erst jetzt konnte Herzog Franz seiner Gattin ein repräsentatives Domizil bieten.

Als Vorbild diente die Schlosskapelle in Celle von 1485. Herzog Franz stellte damit dynastische und historische Beziehungen her, um sich in Gifhorn für die Zukunft zu legitimieren.

Außerdem hatte die Schlosskapelle noch zwei weitere Funktionen:

Sie war Gemeindekirche für die Bewohner des Schlosses. Alle am Hofe wohnenden oder dienenden Personen gehörten zu dieser Gemeinde. Die Aufteilung des Kapellenraumes erfolgte nach den Prinzipien der Ständegesellschaft.

Herzog Franz hatte seine Kapelle zur Grablege bestimmt. Und auf seinem Sarkophag bekennt er sich noch im Tode zu seinem evangelisch lutherischen Glauben: Allein durch Christus werden die Sünden vergeben! „FATEOR PER CHRISTUM SOLUM PECCATA REMITTI“ ist hier eingemeißelt.

 

Segmentbogen mit Ernst
Segmentbogen mit der Figur von Herzog Franz (Foto: Gierz)

  

  

 

Literatur

Ekkehard Buthe, „Schloßumbau und Kreishausneubau 1978-1984“, Schriftenreihe des Landkreises Gifhorn – Band 2, Verlag für Architektur, Wiesbaden 1986

Oskar Kiecker/Hans Lütgens, „Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover, III. Regierungsbezirk Lüneburg, 4. Kreis Gifhorn“, Selbstverlag der Provinzialverwaltung, Hannover 1931, Nachdruck H. Th. Wenner Osnabrück 1980

Heiko Laß, „Die Celler Schlosskapelle in der Geschichte als Monument landesherrlicher Selbstdarstellung“, in „Die Celler Schlosskapelle“, Hirmer Verlag, München 2012

Ernst Pauer, „Die Schloßkapelle Gifhorn“, in „Alte Kirchen und Kapellen im Raum Gifhorn-Wolfsburg“, Enke Verlag, Gifhorn 1987

Gottfried Piper, "Die Orgeln des Kirchenkreises Gifhorn", Gifhorn 1967

Dr. Hans Adolf Schultz, „Burgen, Schlösser und Herrensitze im Raum Gifhorn-Wolfsburg“, Enke Verlag, Gifhorn 1985

Reinhold Wex, „Die Schlosskapelle in Gifhorn“, in „Franz von Gifhorn. Auf den Spuren eines Reformationsfürsten“, Historisches Museum Schloss Gifhorn, Gifhorn 2008