Geschichte von St. Nicolai

Die erste Kirche (? - 1519)

Die Siedlung Gifhorn ist an einem alten Heer- und Handelsweg in Nord-Süd-Richtung entstanden. Sie lag ungefähr eine Tagesreise nördlich von Braunschweig entfernt und wurde damit zu einem Übernachtungsort der Transporte von und nach Braunschweig. Die ersten Urkunden, die Gifhorn erwähnen, stammen aus der Regierungszeit der Söhne Heinrichs des Löwen (1196, 1213). Dort ist auch bereits von einer eigenen Mühle die Rede.

Die weitere Entwicklung des Ortes blieb eng mit den Welfenherzögen verbunden. Gifhorn war stets direktes herzogliches Lehen, wurde allerdings häufig verpfändet, da die Herzöge wohl permanent in Geldnöten steckten. Im Jahre 1267 teilten die beiden Brüder Herzog Albrecht und Herzog Johann das Herzogtum unter sich auf, in einen südlichen Teil (Fürstentum Braunschweig, Residenz seit 1432 Wolfenbüttel) und einen nördlichen Teil (Fürstentum Lüneburg, Residenz seit 1371 Celle).

Damit wurde Gifhorn zu einem Grenzort. Es gehörte zunächst zu Braunschweig, wechselte aber in der Folgezeit noch mehrmals die Zugehörigkeit, bis es schließlich endgültig zu Lüneburg kam. Von Herzog Albrecht soll Gifhorn dann 1275 das Marktrecht bekommen haben. Zum Stadtrecht hat es im Mittelalter nicht gereicht, dazu war und blieb die Siedlung dann doch zu klein. Allerdings dürfte die strategische Lage als Grenzort dazu geführt haben, dass Gifhorn Zollstation wurde und zum Schutz eine Burg erhielt (erste urkundliche Erwähnungen 1303 bzw. 1296).

Zeichnung_erste_Kirche
Sah so die erste Kirche aus? (Zeichnung Gierz)

Zu der Zeit hatte die kleine Siedlung bereits eine eigene Kirche. Dies geht aus einer Urkunde von 1269 hervor, in der ein Pfarrer Heinrich genannt wird, der bei einem Vertrag als Zeuge fungierte. Die Kirche war dem Hl. Nikolaus geweiht. Sie gehörte zum Archidiakonat Meine des Bistums Halberstadt.

Leider sind aus den Jahrhunderten des Mittelalters über die Kirche nur wenig Nachrichten erhalten geblieben. Diese beziehen sich vor allem auf Altarstiftungen und kirchliche Einkünfte. Auch die Namen einzelner Geistlicher sind aus jener Zeit überliefert worden.

Die erste direkte Erwähnung der Kirche selbst stammt erst aus dem Jahre 1381 und hängt bezeichnenderweise mit einer Zerstörung zusammen. So findet man die Geschichte im Fehdebuch der Stadt Braunschweig. Nach Aussterben der Lüneburger Linie der Welfen 1369 kam es zum blutigen »Lüneburger Erbfolgekrieg«. Zu der Zeit waren die Herren von Veltheim Pfandinhaber der Gifhorner Burg. Sie nutzten die unruhigen Zeiten und überfielen Handelstransporte. Schließlich schlug der Braunschweiger Rat Alarm und initiierte Gegenmaßnahmen. Daraufhin belagerten und eroberten in der »Veltheimer Fehde« herzogliche Truppen und Braunschweiger Bürger die Burg. Bei dieser Belagerung wurde der Turm der Nicolaikirche zerstört.

Im 15. Jahrhundert diente die Gifhorner Burg zweimal als Witwensitz. Von 1400 bis 1426 wohnte hier Herzogin Anna von Sachsen-Wittenberg, nachdem ihr Mann Herzog Friedrich ermordet worden war. Die Herzogin stiftete der Kirche 1418 einen Altar. Der Altar wurde geweiht dem Erlöser, also Jesus Christus selbst, seiner Mutter, der Hl. Jungfrau Maria, dem Apostel Johannes, dem Erzbischof Thomas Becket von Canterbury, dem Märtyrer Longinus, der Hl. Anna, der Hl. Elisabeth und der Hl. Katharina. Zwei Urkunden, die sich im hiesigen Pfarrarchiv erhalten haben, dokumentieren (Zu-) Stiftungen von Äckern und Wiesen für diesen Altar. Die Herzogin selbst sorgte dafür, dass extra ein Priester (»Altarist«) angestellt wurde, dessen einzige Aufgabe darin bestand, an diesem Altar regelmäßig für das Seelenheil der Stifterin die Messe zu lesen.

Nach ihrem Tode fiel Gifhorn zurück an die Landesherrschaft. Das waren zu der Zeit Herzog Bernhard in Braunschweig und Herzog Wilhelm in Celle. Sie übernahmen gemeinsam auch das Patronat über den Altar.

Wenige Spuren hinterließ die zweite Zeit als Witwensitz. Von 1445 bis 1468 wohnte hier die Herzogin Elisabeth, Witwe vom Herzog Otto dem Hinkenden. Sie fand im Kloster Isenhagen ihre letzte Ruhestätte, stiftete aber der Gifhorner Kirche zwei Memorien für sich und ihren Gemahl, die mit dem Zins einer Wiese im Barnbruch dotiert wurden.

Im Jahre 1471 gab es wieder eine Herzogenwitwe Anna nach dem frühen Tod von Herzog Otto dem Großmütigen. Sie heiratete ein zweites Mal und wurde nach einigen Jahren wieder Witwe. So übernahm sie 1479 die Regentschaft für ihren noch unmündigen Sohn Heinrich. In Gifhorn ist mit ihren Namen ein St.-Annen-Altar verbunden, den sie 1484 mit einem jährlichen Zins aus dem Zoll zu Gifhorn dotierte.

Im Jahre 1486 wurde Herzog Heinrich (zur Unterscheidung von gleichnamigen Verwandten »der Mittlere« genannt) volljährig und übernahm selbst die Regierung. Er investierte viel Geld in den Ausbau der Gifhorner Burg. Inwieweit davon auch Kirche und Siedlung profitierten ist unklar. Doch lange sollten die Bauten nicht existieren. Denn seine unglückliche Regierungsführung mündete schließlich in einem Krieg, der sogenannten »Hildesheimer Stiftsfehde«. Am 20. Juni 1519 eroberten feindliche Truppen einen menschenleeren Ort Gifhorn, nachdem alle Bewohner samt Burgbesatzung die Flucht ergriffen hatten. Gifhorn wurde geplündert und in Brand gesteckt, darunter auch Burg und Kirche. Ob dabei die Altäre in der Kirche verbrannt sind oder ob die Plünderer diese mitnahmen, geht aus den Quellen nicht hervor. Auf jeden Fall hat sich von der Ausstattung nichts erhalten.

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Plan von Gifhorn 1699 (Ausschnitt) mit der Lage von Burg und Kirche alt und neu (Zeichnung: Gierz)

Wo diese Kirche gestanden hat, kann man einer Mitteilung entnehmen, die der Superintendent Leukfeld 1741 in einem Brief geäußert hat. Er schreibt, dass die alte Kirche dort gestanden habe, wo sich jetzt der Schloßgraben befände. Demnach lag die erste Kirche etwa dort, wo sich heute das Sparkassengebäude befindet. Bei den Ausschachtarbeiten für das neue Rathaus wurden in der Nähe auch Gräber vom Friedhof an der Kirche gefunden.

Die zweite Kirche (nach 1525 – 1737)

Als Folge der politischen Lage (Wahl vom Habsburger Karl zum König) ging Herzog Heinrich der Mittlere ins Exil. Die Nachfolge übernahm sein mittlerer Sohn Ernst. Dieser bekam für sein energisches Eintreten für die Reformation den Beinamen »Der Bekenner«.

Über den Wiederaufbau von Gifhorn gibt es keine Unterlagen. Seit 1525 wurde eine neue Festung gebaut. Für eine neue Kirche reichten die Mittel nicht.

Kirche Merian Ausschnitt
Kirche St. Nicolai. Ausschnitt aus dem Kupferstich von Merian 1654 (Repro: Gierz)

So wurde der alten Marstall mit angebautem Kornspeicher zu einem Kirchgebäude umgebaut. Das Gebäude hatte keine richtigen Fundamente. Es war ein Fachwerkbau mit Satteldach, dessen Wände nur aus Holz und Lehm bestanden. Der Innenraum hatte geringe Ausmaße und war überdies niedrig und dunkel. Diese zweite Kirche zeigen die beiden Merian-Stiche von Gifhorn aus dem Jahre 1654. An Ausstattung besaß die Kirche neben Altar und Kanzel auch eine Orgel. 1550 wird ein Organist Müller genannt.

Im Jahre 1529 führte Herzog Ernst in seinem Herzogtum die Reformation ein. Dabei wurde auch die Kirchenorganisation neu strukturiert. Nach sächsischem Vorbild entstanden Superintendenturen, eine davon in Gifhorn.

Eine weitere welfische Erbteilung führte dazu, daß Gifhorn von 1539 bis 1549 Residenz des jüngeren Bruders Franz wurde. Als sein Hofprediger kam auch der bekannte Reformator Gerdt Oemeken für einige Jahre nach Gifhorn. Da der Herzog ohne männliche Erben starb, fiel Gifhorn zurück an Celle. Sein Herz wurde in der Kirche bestattet (sein Körper in der Schlosskapelle, die er neu errichtet hatte). Die Grabplatte hat sich erhalten.

Von den schlimmsten Auswirkungen des 30jährigen Krieges blieb Gifhorn verschont. Es gab hier keine größeren Zerstörungen. Aber die wiederholten Einquartierungen und Plünderungen durch herumziehende Söldnerheere brachten Not und Mangel. So wurde der Friedhof verwüstet und die Armenkasse aus der Friedhofskapelle gestohlen. Außerdem grassierte im Lande die Pest.

Obwohl die Kirche nur ein Provisorium war, erwies sie sich als relativ stabil. Erst nach 150 Jahren machten sich Verfallserscheinungen bemerkbar. Ab 1685 sind Überlegungen zu einem Neubau nachweisbar, wobei besonderes Augenmerk auf einen neuen Turm gelegt wurde. Doch wurde eine Orgelreparatur 1688 so teuer, daß auf längere Zeit kein Geld dafür vorhanden war. Erst 1716 musste dann doch der Turm vom Dach abgenommen und neu wieder aufgebaut werden. Es zeigte sich allerdings bald, dass das reparierte Gebälk zu marode war, um auf Dauer die Glocken tragen zu können. Ein Neubau wurde notwendig.

Die dritte Kirche (Neubau 1733-1744)

Der Neubau der Kirche zog sich über 12 Jahre hin. Verantwortlich dafür war einmal die schlechte finanzielle Lage der Kirchengemeinde, es gab keine Rücklagen, aber auch Kompetenzprobleme. Dies führte zu mehreren Entwürfen und Gutachten. Die Kirchenorganisation im Kurfürstentum Hannover war streng hierarchisch. An der Spitze stand das Konsistorium, das neben Kammer, Kanzlei und Gericht zu den vier führenden Behörden des Landes zählte. Alle Baumaßnahmen in den einzelnen Gemeinden, die 10 Taler überstiegen, mussten vom Konsistorium genehmigt werden.

Georg Friedrich Dinglinger
Georg Friedrich Dinglinger. Baumeister des Turms 1733-34. (Repro: Gierz)

Als erster Bauabschnitt entstand ein neuer Kirchturm. Die Kirchengemeinde konnte 1733 ein abbruchreifes Haus erwerben, das direkt nördlich der Kirche lag. Dort wurde der Turm errichtet. Zu der Zeit war der spätere Hannoversche Festungsbaumeister Georg Friedrich Dinglinger in Gifhorn tätig. Als junger Kondukteur (Bauaufseher) betreute er Reparaturarbeiten am Gifhorner Schloss. Zusätzlich erhielt er jetzt den Auftrag sich um den Neubau des Kirchturms zu kümmern. Dazu musste er allerdings erst einmal die Pläne für den Turm erstellen, also quasi als Architekt tätig werden, und einen Kostenanschlag erstellen. Er plante einen massiven quadratischen Turm, verputzt und mit ausgeprägter Quaderverzahnung. Für das hölzerne Oberteil konnte er Teile vom alten Kirchturm wieder verwenden. Die Vorarbeiten gingen sehr zügig voran. Kurz nach Pfingsten des Jahres konnte mit den Bauarbeiten begonnen werden. Trotz einer Winterpause war im Herbst 1734 das Turmdach vollendet und mit Schindeln und Schiefer gedeckt. Die krönende Wetterfahne zeigt noch heute das Fertigstellungsjahr 1734.

Kaum war der Kirchturm fertig, da stockte auch schon der Weiterbau. Dinglinger erhielt den Auftrag in Hannoversch-Münden neue Kasernen zu bauen und verließ Gifhorn. Zwar hatte er auch einen Entwurf für ein neues Kirchenschiff erstellt, aber dieser wurde nicht weiter beachtet. Der Turm hatte 5410 Reichstaler gekostet. Davon waren 4450 Reichstaler nur geliehen. Dieser hohe Schuldenstand rief die Kritiker des Baues auf den Plan. Es folgten Eingaben an die Hannoversche Regierung um einen Weiterbau zu verhindern. Ein eifriger Befürworter des Weiterbaues war der damalige Superintendent Werner Martin Leukfeld. Doch hatte er einen schweren Stand.

Die Debatten zogen sich über mehrere Jahre hin. 1736 kam der Landbaumeister Conrad Hinrich Leiseberg als Gutachter nach Gifhorn. Seine Expertise war eindeutig und führte Mitte 1737 zum Abriss des alten Kirchenschiffs. Er wollte auch den Neuaufbau übernehmen, doch wurde sein Entwurf letztlich als zu klein abgelehnt.

Kirche Entwurf von Bonn 1738
Entwurf des Kirchenschiffs von 1738, wahrscheinlich von O. v. Bonn (Repro: Gierz)

Daraufhin erhielt 1738 der zweite Landbaumeister Otto Heinrich von Bonn von der Regierung den Auftrag zur Neuanfertigung von Plänen und Kostenanschlägen. Sein Entwurf zeigt einen langgestreckten Saal von neun Achsen. Die Eckquaderverzahnung entspricht derjenigen des Turms. Über den großen Rundbogenfenstern sind kleinere Fensteröffnungen mit geschwungenem Stürzen vorgesehen. Auf jeder Längsseite sind zwei Portale eingefügt, die reich ornamental gefaßt und mit runden Oberlichtern versehen sind.

Mit diesen Plan begann dann tatsächlich der Neubau des Kirchenschiffs. Die Bauaufsicht vor Ort übernahm der junge Kondukteur Henning Andreas Nicolai. Doch die Arbeiten verliefen sehr zögerlich. Erst im Sommer 1739 war das Fundament fertiggestellt. Als dann auch noch Nicolai Gifhorn verließ, kam der Bau einmal mehr ins Stocken, zumal der Winter 1739/40 sehr lang und hart ausfiel.

Parallel zu den ersten Arbeiten ging die Debatte um die richtige Größe des Kirchenschiffs weiter. Der Entwurf von Bonns war für 1700 Sitzplätze ausgelegt. Dazu genügte eine umlaufende u-förmige Empore. Dieses wurde anscheinend nicht von allen Seiten als ausreichend angesehen. So stellte von Bonn Ende 1738 in einem umfangreichen Schreiben die Möglichkeiten zur Erhöhung der Anzahl der Sitzplätze sowie die technischen Schwierigkeiten bei der Anbindung des Schiffes an den bestehenden Turm dar.

Kirche Querschnitt Arenhold
Querschnitt mit Emporen- und Dachkonstruktion. G.J. Arenhold 1739. Hauptstaatsarchiv Hannover Hann 83 II 1878 (Repro: Gierz)

Außerdem schaltete sich die Kirchenverwaltung in Hannover ein. Mit dem Konsistorialsekretär Gerhard Justus Arenhold hatte zum ersten Mal ein ausgewiesener Baufachmann seinen Dienst im Konsistorium angetreten. Er legte nun einen eigenen Entwurf vor. Durch das Vorsehen einer zweiten Empore konnte er die Anzahl der Sitzplätze auf 2000 erhöhen. Dafür musste allerdings die vorgesehene Flachdecke durch eine Bogendecke ersetzt werden. Dies wiederum bedingte ein steileres Satteldach, so dass der Dachfirst höher zu liegen kam als das gemauerte Unterteil des Turmes. Außerdem wollte er als Baumaterial gebrannte Mauersteine verwenden, während vorher noch Bruchsteine vorgesehen waren.

Arenhold kam 1740 nach Gifhorn und übernahm die Bauleitung. Die Ziegelsteine für den Bau kamen überwiegend von der Ziegelhütte in Gifhorn. Sie schaffte aber nicht den vollen Bedarf für den umfangreichen Kirchenbau, so dass man zusätzlich auf die Belieferung durch die leistungsfähige Ziegelei in Fallersleben zurückgreifen musste. Die Bruchsteine für die Fundamente, Eckverzahnungen und Portale wurden aus den Sandsteinbrüchen von Velpke 27 km östlich von Gifhorn bezogen. Der Steinmetzmeister Johann Heinrich Körner aus Velpke meißelte aus den Sandsteinen die vier Portale.

Weiteren Schwung erhielt der Kirchenbau im Jahre 1741. Nachdem der alte Amtmann pensioniert worden war, kam mit Johann Philipp Tiling ein neuer Amtmann nach Gifhorn. Er führte hier mit großer Umsicht und Tatkraft die Amtsgeschäfte. Insbesondere kümmerte er sich auch um die Finanzierung des Baues, indem er staatliche Zuschüsse und günstige Kredite besorgte.

So ging der Bau in der Endphase zügig voran. Bereits Ende 1742 konnte das Dach mit Ziegeln gedeckt werden. Die folgenden beiden Jahre widmete man sich dem Innenausbau. Für den Kanzelaltar konnte mutmaßlich Arenhold den Hannoverschen Kammerpräsidenten Heinrich Grote als Stifter gewinnen. Dieser Zweig das Adelsfamilie Grote hatte seinen Familiensitz in Wedesbüttel, nur 12 km von Gifhorn entfernt. Der Altar wurde in einer Werkstatt in Hannover angefertigt. Auf Pferdefuhrwerken kam er in mehrere Teile zerlegt nach Gifhorn und wurde hier wieder zusammengebaut.

Für die Emporen und die Kirchenbänke werden wohl einheimische Handwerker zum Zuge gekommen sein.

Etwas länger zog sich der Bau einer neuen Orgel hin. Obwohl es bereits seit 1742 Kontakte mit dem Hannoverschen Hof-Orgelbaumeister Christian Vater gab, kam es erst Ende 1744 zu einem Vertragsabschluss. So konnte die neue Orgel erst 1748 in Betrieb genommen werden.

Die Einweihung der neuen St.-Nicolai-Kirche erfolgte am Sonntag, dem 8. November 1744 mit einem festlichen Gottesdienst.

Aus dem Abrechnungen von Arenhold geht hervor, dass der Bau des Kirchenschiffes insgesamt rund 9730 Reichstaler gekostet hat. Zusammen mit dem Turm kommt man auf Gesamtbaukosten von rund 15141 Reichstalern.

Die dritte Kirche (nach 1750)

Seit der Fertigstellung kam es im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zu kleineren Reparaturen am und im Kirchengebäude.

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Älteste Abbildung der neuen Kirche. Zeichnung von H.A. Nicolai 1766 Ausschnitt (Repro: Gierz)

Als kritisch erwies sich sehr schnell der Einbau der Gewölbedecke. Bereits 1746 zeigten sich Risse im Gesimsbereich. Landbaumeister von Bonn nahm dazu in einem Gutachten Stellung. Weitere Gutachten folgten. Man versuchte durch Änderungen in der Dachkonstruktion Stabilität herbeizuführen. Doch letztlich mussten Zuganker zur Stabilisierung der Außenwände eingezogen werden.

Um 1780 wurde die Festung geschleift. Damit verlor Gifhorn seine Garnison. 1852 bekam der Ort mit 2500 Einwohnern endlich das Stadtrecht.

Größere Reparaturen sind für den Turm 1780 und für das Kirchenschiff 1810 dokumentiert. Im Jahre 1842 wurde für das Kirchengebäude eine Feuerversicherung abgeschlossen. Die Versicherungssumme lag bei 22.195 Talern.

Knapp an einer Katastrophe vorbei schlitterte die Kirche am 22. August 1858. Denn ein Blitz schlug in den Kirchturm ein und lief dann auch durch das Kirchenschiff. Es kam zu Verkohlungen am Altar, aber zum Glück zu keinem Brand in der Kirche. Die Reparaturkosten übernahm die Versicherung.

Die Kirche erhielt im Jahre 1870 eine Warmluftheizung. Außerdem wurde in dem Jahre das Dach repariert. 1873 konnte die Kirche das freie Gelände östlich vom Gebäude (»Zimmerhof«) pachten und drei Jahre später kaufen. Es wurde zu einem kleinen Park umgestaltet. Außerdem baute man dort eine Retirade (Pissoir). 1878 kaufte die Gemeinde eine größere Anzahl von Hängelampen, die mit Petroleum betrieben wurden und das Kerzenlicht ersetzten. Die Heizung musste 1910 erneuert werden, und fünf Jahre später erhielt die Kirche Gasbeleuchtung.

Eine größere Renovierung des Innenraumes gab es 1929. Vorangegangen waren größere Reparaturarbeiten am Dach, um dieses wieder dicht und stabil zu bekommen. Die Gewölbedecke wurde strukturlos hell gestrichen. (Ursprünglich war das Deckengewölbe als blaues Firmament mit unzähligen Sternen ausgemalt.) Altar und Orgel wurden aufwendig gereinigt. Die Kosten wurden durch den Evangelischen Frauenbund und Kollekten getragen. Kirchensteuereinnahmen waren nicht erforderlich.

Nach dem zweiten Weltkrieg kam es durch die Flüchtlingsströme und dem wirtschaftlichen Aufschwung durch das nahegelegene VW-Werk in Wolfsburg zu einem starken Anstieg der Bevölkerung. So wuchs die Stadt auf über 40.000 Einwohnern. Es entstanden weitere Pfarrstellen, die meist nach einigen Jahren zu neuen selbständigen Kirchengemeinden führten (Südstadt, 1959 Martin-Luther-Gemeinde, Oststadt 1969 Paulus-Gemeinde).

Die nächste Renovierung der Kirche fand dann 1960/61 statt. Dabei wurde das Kichengestühl umgearbeitet, der Altarraum vergrößert und die Sakristei neugestaltet. Durch den Hamelner Kunstmaler Rudolf Droste kam es zu einer farblichen Neugestaltung der Holzeinbauten, insbesondere des Altars. Die Wiedereinweihung fand am 1. Oktober 1961 mit einem festlichen Gottesdienst statt.

Große Aufregung gab es im Februar 1986. Putzbrocken lösten sich von der Kirchendecke und stürzten in den Altarraum. Daraufhin wurde die Kirche geschlossen. Putz und altes Rohrgeflecht mussten komplett entfernt werden. Anschließend wurden auf neue Rohrmatten zwei neue Putzschichten aufgetragen und neu gestrichen. Erst im August 1987 konnte die Kirche wieder eröffnet werden.

1994 musste nach einem heftigen Sturm der Turm repariert werden. Die Kirche erhielt 1998 eine neue Gas-Niederdruck-Warmwasserheizung. Dabei wurden im Fußbereich der Kirchenbänke eigene Heizkörper angebracht. Als vorläufig letzte Baumaßnahme wurden 2001 im Durchgang vom Kirchenschiff zum Turm zwei Toiletten eingebaut. Für das Jahr 2020 ist eine komplette Außensanierung der Kirche geplant.

 

Literatur

Stefan Amt, »Georg Friedrich Dinglinger. Neue Forschungsergebnisse zum Werk des Hannoverschen Festungsbaumeisters« in »Hannoversche Geschichtsblätter«, Band 48, Hannover 1994

Stefan Amt, »Das Landbauwesen Kurhannovers im 18. Jahrhundert - Oberlandbaumeister Otto Heinrich von Bonn (1703-1785)«, Dissertation, Institut für Bau- und KunstgeUlfried Müller, »Die Gestaltung des einachsigen Kanzelaltars durch Johann Friedrich Blasius Ziesenis«, in »Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte Band 11«, Deutscher Kunstverlag, München Berlin 1972schichte, Universität Hannover, Hannover 1999

Max Gelin, »St. Nicolai-Gemeinde«, in »Gemeindebuch des Kirchenkreises Gifhorn«, Jedermann-Verlag Ludwig Schmidt GmbH, Osnabrück 1960

Oskar Kiecker/Hans Lütgens, »Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover, III. Regierungsbezirk Lüneburg, 4. Kreis Gifhorn«, Selbstverlag der Provinzialverwaltung, Hannover 1931, Nachdruck H. Th. Wenner Osnabrück 1980

Joachim Lampe, »Aristokratie, Hofadel und Staatspatriziat in Kurhannover«, Vandenhoek und Ruprecht, Göttingen 1963 (in zwei Bänden)

Hermann Mewes, »Der lutherische Kirchenbau Niedersachsens unter besonderer Berücksichtigung der Baumeister des Konsistoriums Hannover«, Dissertation 1943. Kommentierte Neuausgabe von Stefan Amt, Institut für Bau- und Kunstgeschichte, Universität Hannover 1994

Ulrich Roshop, »Die St.-Nicolai-Kirche in Gifhorn«, Veröffentlichungen Heft 3 des Museums- und Heimatvereins Gifhorn e.V., Gifhorn 1980

Ulrich Roshop, »Gifhorn. Das Werden und Wachsen einer Stadt«, Verlag Liss Werbung, Gifhorn 1982